1900 – 1925

Vor der Gründung – 1925

Für die 8 jungen Musiker kann es keine leichte Aufgabe gewesen sein, den neuen Verein zu führen und weiter aufzubauen, denn außer einem nicht zu überbietenden Optimismus und ihrer Liebe zur Musik bringen sie nichts mit. Zudem stehen sie noch in Konkurrenz zu der bereits seit 4 Jahren bestehenden Feuerwehrkapelle.

Das Geld für die Anschaffung der erforderlichen Musikinstrumente fehlt. Hier findet man in Vereinswirt Peter Dammer, Vater des Mitgründers Peter Dammer jr., einen Förderer, der die erforderlichen Mittel vorstreckt. Da die 8 Musiker fleißig zum Tanz aufspielen, können die Schulden schon bald getilgt werden.

Die Gelegenheit, erstmals öffentlich aufzutreten, bietet sich bei der Einführung des neuen Pfarrers Streuff am 10. Januar 1901. Weitere Auftritte führen dazu, daß der Verein schon bald über seinen ersten Dirigenten verfügt. Es ist der Niederländer Jan Brecht, ein Soldat, der bei den Venloer Husaren diente. Beim folgenden öffentlichen Konzert gibt es gleich eine Uraufführung. Jan Brecht dirigiert seinen Marsch „Venlo – Tegelen – Steyl“. Er hatte diesen im Jahre 1903 anläßlich der eröffneten Pferde-Trambahn von Venlo über Tegelen nach Steyl komponiert.

Durch die Verpflichtung eines Niederländers als Dirigent wird die Bindung zum Nachbarland natürlich verstärkt. Auf beiden Seiten der Grenze wird gespielt. Es gibt Austauschkonzerte mit den Harmonien und weiteren Kapellen aus Tegelen, Venlo, Grubbenvorst und Blerick.

Gelegentlich wird dabei auch geschmuggelt, wobei sich eine große Trommel als vorzügliches Transportmittel erweist, dies umsomehr, als sie von einem Zöllner getragen wird. Ein solcher gewissenhafter Zöllner, Mitglied der Kapelle, behauptete von sich, noch nie in seinem Leben geschmuggelt zu haben. Doch gerade ihn bat man, bei der Rückkehr von einem Konzert in den Niederlanden, doch einmal die große Trommel zu tragen. Dies tut er dann auch bereitwillig und unterhält sich hierbei im Verlaufe des Grenzübertritts, ausruhend auf der Trommel sitzend, mit seinem diensthabenden Kollegen. Was die Sticheleien seiner Kameraden nach Passieren der Grenze bedeuten, merkt er erst, als in der Gaststätte Grüters, Venloer Straße, die Trommel geöffnet wird und 3 Pfund Kaffee zum Vorschein kommen.

Der noch junge Verein nutzt jede Gelegenheit, bei Auftritten sein musikalisches Können unter Beweis zu stellen. So heißt es im Jahre 1907 in einem Antrag an die Stadt: „Der Kaldenkirchener Musikverein beabsichtigt das Fest des Geburtstages unseres Kaisers, am 13. Januar nachmittags 3.00 Uhr anfangend, im Saale des Herrn Franz Holthausen zu feiern, bestehend in Conzert mit nachfolgend geschlossenem Ball und bittet um die polizeiliche Erlaubnis“. Die Erlaubnis hierzu wird gegen Zahlung einer Lustbarkeitssteuer in Höhe von 25 RM erteilt. Jede Veranstaltung der damaligen Zeit bedurfte einer Genehmigung und eine solche war lange nicht selbstverständlich. So wird u.a. die Durchführung eines Konzertes des Männergesangvereins „Liedertafel“ abgelehnt mit der Begründung, der Verein habe in diesen Jahr schon eine Veranstaltung durchgeführt.

Krisen im Vereinsleben bleiben nicht aus. Obwohl es damals weder Radio noch Fernsehen gibt, ist es schwer, die Bevölkerung zum Besuch von Blasmusikkonzerten zu bewegen. Beliebter waren damals Theaterstücke, ganz besonders Militärschwänke. Die Musiker zeigen jedoch Anpassungsfähigkeit und untermalen fortan einige Theaterstücke mit einem bunten Strauß musikalischer Darbietungen. Der Musikverein darf sich sogar rühmen, im Rahmen solcher Veranstaltungen die erste Kinoaufführung in Kaldenkirchen mitgestaltet zu haben.

Die Musiker haben in dieser Zeit jedoch nicht nur Freunde. Vom Polizisten und Nachtwächter Leopold Schmitz konnte man fast das Gegenteil behaupten. Es ließ keine Gelegenheit aus, dies auch in die Tat umzusetzen. Zwei Musiker kommen dann auf den Gedanken, ihn doch einmal so richtig zu ärgern. Sie verstecken sich in den Bäumen auf der früheren Breyeller Straße (heute Kölner Straße). Der erste nimmt einen Baum in der Nähe der Kehr-/Friedrichstraße, der zweite einen Baum in der Nähe der Gaststätte „Zur Mühle“. Als unser Nachtwächter und Polizist nun auf der Breyeller Straße seinen Kontrollgang macht, erklingt in Höhe „Zur Mühle“ das Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Eile war geboten, aber er findet den Musikanten nicht, denn bei seinem Näherkommen verstummte die Musik. Dafür erklingt nun von der Ecke Kehrstraße die Melodie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Auch hier ist jedoch nichts zu entdecken. So treibt man den guten Polizisten einige Male hin und her, wie oft, das ist nicht bekannt.

Jan Brecht, der auch die ebenfalls im Jahre 1900 gegründete „Harmonie Voorwaarts Tegelen“ sowie die Musikvereine Venlo, Blerick und Grubbenvorst dirigiert, wird später von Harry Hahnen abgelöst; das Jahr ist nicht bekannt. Auch Hahnen kommt von den Venloer Husaren.

Der Ausbruch des I. Weltkrieges beendet jäh das Vereinsleben. Von den 24 Mitgliedern des Vereins werden 23 zum Wehrdienst einberufen. Lediglich Peter Ulen – er ist Niederländer – bleibt außen vor. Von den 23 Kriegsteilnehmern kehren 7 nicht mehr in ihre Heimat zurück.

Unmittelbar nach dem Krieg kann sich das Vereinsleben noch nicht so entwickeln, wie es sich die Mitglieder wünschen. Die Besatzungsmächte haben ein Ausgehverbot erlassen und man darf abends nach 8.00 Uhr die Straßen nicht mehr betreten. Dennoch findet man sich immer wieder zusammen und probt bis auf weiteres in den Wohnungen der Mitglieder.Dirigent ist in dieser Zeit Bernhard Weber, der kurz danach, erneut durch Harry Hahnen, abgelöst wird.

Wie im Vorwort zur Vereinsgeschichte bereits berichtet, vereinigen sich die Musiker des Musikvereins und der Feuerwehrkapelle vorübergehend, um in Kaldenkirchen wenigstens einen Klangkörper „auf die Beine zu stellen“, ehe man sich im Jahre 1921 wieder trennt. Nach der Trennung ist der Aufschwung im Musikverein unübersehbar und beim 25-jährigen Vereinsjubiläum werden stolze 36 Mitglieder gezählt.Dirigent im Jubiläumsjahr ist Mitgründer Peter Dammer.Das Vereinsjubiläum wird 2 Tage ausgiebig gefeiert. In allen Sälen finden Konzerte und Tanzveranstaltungen unter Mitwirkung aller Kaldenkirchener Vereine statt. Sonntags gibt es einen prächtigen Festzug durch die Straßen der Heimatstadt.